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19 -November -2018 - 20:47

Golfhotel Hohen Wieschendorf

Hohen Wieschendorf - Der geplatzte Traum von Saint Tropez

Es sollte der Ort der Reichen und Schönen werden. Hohen Wieschendorf. Ein Hotel, ein Golfplatz, ein Jachthafen und eine Ferienanlage mit mehr als 80 Apartments sollten Hohen Wieschendorf zu einer Attraktion machen. Geplant waren scharenweise Besucher, quasi das Saint Tropez der Ostsee. Geworden ist daraus nichts.

 

Geschichte:

Seit 2010 steht das Golfhotel leer. Von heute auf Morgen wurde das Hotel geschlossen und eine Wiedereröffnung steht vorerst nicht an. Um den Leidensweg dieser Immobile einmal genauer zu erläutern, haben wir einen sehr spannenden Artikel aus der "online - Zeitschrift" Welt.de herausgesucht. 

Die Stuhlreihen, in denen sich an anderen Tagen nur wenige Zuschauer verlieren, sind an diesem Morgen rappelvoll. Sogar das Regionalfernsehen ist da. Rechtspflegerin Andrea Hundt wirkt etwas angespannt, als sie unter dem Landeswappen Mecklenburg-Vorpommerns die Auktion eröffnet.

Es ist zwar beileibe nicht ihre erste Zwangsversteigerung. Immer wieder muss Hundt an dieser Stelle verlassene Resthöfe, zweitklassige Ferienapartments und Doppelhaushälften mit Sanierungsrückstau versteigern, an denen sich irgendwann irgendein armer Tropf verhoben hat.

Doch an diesem Tag wird keine Schrottimmobilie zwangsverwertet. Sondern ein ganzer Hafen. Mit mehr als über 100 Liegeplätzen für Segelyachten und Motorboote. Einem Restaurant mit 180 Grad Meerblick, einer kleinen Ladenzeile und einer Ferienhausanlage mit mehr als 80 Apartments. Im Grunde ist es ein ganzer Urlaubsort, der an diesem Donnerstagvormittag in Saal drei des Amtsgerichts Grevesmühlen unter den Hammer kommt. Oder besser: der Traum davon.

Marina ohne Schiff

Denn Hohen Wieschendorf oder Howido, wie die 120 Einwohner ihr Dorf nennen, ist nie ein Urlaubsort geworden. Auf der grünen Halbinsel in der Wismarer Bucht, von der Ostsee umspült, mit sanften Hügeln und acht Kilometer Strand, herrscht auch am Vormittag der Zwangsversteigerung Stille.

Kein Schiff liegt in der Marina. Die Hafengebäude sind verrammelt, ein rot-weißes Flatterband verwehrt den Zugang zur Mole. Gleich gegenüber döst eine verlassene Rohbausiedlung in der milden Herbstsonne.

Wenn hier jetzt ein Tourist wäre, hätte er die Wahl: nach links, und er erreichte nach einer ausgedehnten Strandwanderung dasOstseebad Boltenhagen mit seinen Kurgästen und Ferienressorts. Ginge er in die entgegengesetzte Richtung, wäre er bald in der Altstadt der Hansestadt Wismar, welche die Unesco als Welterbe der Menschheit führt. Was inzwischen auch die Busreiseveranstalter mitbekommen haben.

In Hohen Wieschendorf aber ist kein Tourist zu sehen, nicht ein einziger. Nur ein Einheimischer lässt am Strand seinen Hund von der Leine. "Hier findet jeder seinen ganz privaten Bereich, ohne Massentourismus", heißt es völlig zutreffend auf hohen-wieschendorf.com und dann etwas trotzig: "Allerdings wird der Tourismus stetig zunehmen."

Nur noch Unkraut

Doch das Einzige, was in letzter Zeit in Howido angewachsen ist, ist das Unkraut in den Fugen. Und ein Berg von Schulden. Fast 30 Minuten braucht Rechtspflegerin Hundt, um die Verbindlichkeiten der Marina Hohen Wieschendorf GmbH aufzulisten. Allein die Bank Unicredit, von der ein Herr Kramer aus München zu dem Termin angereist ist, hätte als Hauptgläubiger inklusive Zinsen gern 13,8 Millionen Euro zurück.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern fordert 3,7 Millionen Euro zu Unrecht in Anspruch genommener Subventionen plus Zinsen. Hinzu kommen ein paar Hunderttausend Euro Grunderwerbsteuer und weiterer Kleckerkram. Was aus den Forderungen der Gläubiger wird und aus den Träumen vom Urlauberparadies, soll sich an diesem Tag zeigen. Irgendwann ist Hundt fertig, klappt den Aktendeckel zu und blickt auf die Uhr: "Es ist 10.36 Uhr. Ich fordere zur Abgabe von Geboten auf."

In der letzten Reihe lehnt sich Jürgen Mevius auf seinem Stuhl zurück. "Dann wollen wir mal sehen, was da kommt", brummt er in Richtung seines Sitznachbarn, allzu euphorisch klingt er nicht. Der 57-jährige Kfz-Meister ist im Nebenberuf Bürgermeister der Verbundgemeinde Hohenkirchen, zu der auch Hohen Wieschendorf gehört. Und heute ist er hier, um zu sehen, wie es mit seiner Gemeinde in Zukunft weitergehen soll.

Doch wie bei vielen aus der Gegend ist auch beim Bürgermeister der Glaube an die Investoren und ihre rettenden Millionen einer tief sitzenden Skepsis gewichen. Schließlich haben sie hier schon einige Männer mit großen Plänen und Versprechungen kommen sehen, sagt Mevius. "Aber es hat dann ja nicht alles so geklappt." Er spricht dabei nicht nur vom Marina-Fiasko.

Howidos kurze Karriere als Ferienort der Luxusklasse begann im Jahr 1990 mit dem Besuch eines Unternehmers aus Lübeck. Peter Tollgreve, der mit einem Holzhandel für Privatkunden ein kleines Vermögen aufgebaut hatte und in seiner Freizeit gern golfte, hatte sich nach dem Mauerfall eine Karte von Mecklenburg-Vorpommern angeschaut.

Damals war hier nur ein Katoffelacker

Und als er die Halbinsel inmitten der Wismarer Bucht entdeckte, eineinhalb Stunden von Hamburg und zweieinhalb von Berlin, beschloss er kurzerhand: Dort baue ich einen Golfplatz. "Damals war hier nur ein Kartoffelacker", erinnert sich der 76-Jährige an den Tag, als er zum ersten Mal die Landzunge betrat, auf der er seinen privaten und unternehmerischen Traum verwirklichen wollte.

Die Leute von der Verwaltung - die DDR existierte zu dem Zeitpunkt formal noch - hätten in der LPG-Fläche inmitten der Ostsee nichts gesehen als eine landwirtschaftliche Nutzfläche. Aber Tollgreve habe auf dem Acker gestanden und zu seinen beiden Begleitern gesagt: "Hier kommt das Klubhaus hin, genau hier." Am Tag vor der Wiedervereinigung unterschrieb er den Pachtvertrag.

21 Jahre und 13,5 Millionen investierte Euro später steht der Unternehmer an derselben Stelle, nur ein Stockwerk höher, und schließt Zimmer eins des "Golfhotels Hohen Wieschendorf" auf. Die Betten wirken wie frisch gemacht. Von der Zimmertür ("Mailand, zehnfach lackiert") reibt Tollgreve im Vorübergehen einen Fettfleck mit dem Ärmel ab, als bringe das noch etwas.

Das Karibikfenster

Dann tritt er auf den Balkon hinaus, schenkt den Unmengen von Vogeldreck unter seinen Füßen keine Beachtung und deutet mit der Hand über die Greens hinweg Richtung Osten, wo eine Lücke in den Bäumen den Blick auf die tiefblaue Ostsee freigibt: "Das haben wir immer unser Karibikfenster genannt!" Damals, als er noch eine Perspektive sah.

Für seine Vision von Hohen Wieschendorf setzte Peter Tollgreve alles aufs Spiel. 6,5 Millionen Euro Eigenkapital aus dem Verkauf seines Holzhandels, sieben Millionen von der Bank. Das Land schoss einen siebenstelligen Fördermittelbetrag dazu. Auf 93 Hektar baute er von dem vielen Geld den in seinen Augen perfekten 18-Loch-Golfplatz und gleich neben dem ersten Abschlag dazu das perfekte Golfhotel.

32 Betten, italienische Möbel, teure Armaturen, bis unter die Decke Marmor. Dazu mehrere große Apartmenthäuser mit Tiefgarage und Rasentennisplätzen. "Ich habe in allen Bereichen zu teuer gebaut", resümiert der Unternehmer und fischt sich eine weitere Zigarette aus der Schachtel. "Es sollte alles etwas Besonderes sein. Dafür habe ich bitter bezahlt."

Hohen Wieschendorf sollte zu einem Begriff in der norddeutschen Golferszenewerden. Doch auch Jahre nach der Eröffnung ließ sich die erhoffte Klientel nur sporadisch auf der Halbinsel blicken. Und mit den Leuten aus der Gegend hatte es sich der Lübecker bald verscherzt, weil sie seine Sprüche über die bäuerliche Prägung der einheimischen Bevölkerung nicht lustig fanden. Das wiederum erwies sich als schlecht für das Geschäft mit Jubiläen und Hochzeiten aus der Region. Die Umsätze waren so mau, dass Tollgreve irgendwann die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte.

Hotel ist insolvent

Heute besitzt er zwar noch einen Schlüssel. Doch seine Besucher kann er damit nur durch ein verlassenes Hotel führen, das ihm nicht mehr gehört. Die Tische im Restaurant sind noch eingedeckt, doch an den Scheiben läuft das Kondenswasser in langen Bahnen herunter und kündet vom drohenden Verfall. Vor einem Jahr hat der letzte Gast ausgecheckt, der Hotelbetrieb hat Insolvenz angemeldet.

Die Schwestergesellschaft, die den Golfplatz betrieb, ebenfalls. Und auch der frühere Millionär Tollgreve musste Privatinsolvenz anmelden und lebt heute in einer kleinen Wohnung auf der zumeist menschenleeren Anlage. Ein Teil des Apartmentkomplexes wurde bereits zwangsversteigert, vor dem Amtsgericht, wo nun auch der Yachthafen unter den Hammer kommt.

Tollgreve hat kein Interesse, sich das Schauspiel anzusehen. "Wäre es mit der Marina anders gelaufen", seufzt er und blickt vom früheren Kartoffelacker hinunter zur verlassenen Mole, "wer weiß, was dann aus dem allen hier geworden wäre?"

20 Minuten sind in Saal drei verstrichen, ohne dass auch nur ein Gebot abgegeben worden wäre. Dann tritt ein Mann in dunklem Zwirn zum Richtertisch. Es wird leise gemurmelt. Und um 10.59 Uhr verkündet Rechtspflegerin Hundt laut: "Die Ad Usum 163 Beteiligungs-GmbH aus Frankfurt am Main, vertreten durch Herrn Soini, bietet drei Millionen Euro." Bürgermeister Mevius wirft einen kritischen Blick auf den Mann, der wieder zwischen seinen Begleitern in der ersten Reihe Platz nimmt.

Die Pläne vom Yachthafen waren es, mit denen den Träumen vom Tourismus in Howido Flügel wuchsen. Ein Jahrzehnt nach Tollgreve war es zufälligerweise erneut ein Lübecker, der mit der Idee nach Hohen Wieschendorf kam. Eine Marina, Läden, ein Restaurant, ein riesiges unterirdisches Winterlager und mindestens 30 Arbeitsplätze versprach der Investor Michael I. der klammen Kommune.

Und ihm wurde der rote Teppich ausgerollt. Der damalige Wirtschaftsminister Otto Ebnet (SPD) sponserte das Vorhaben mit 3,7 Millionen Euro. Und das, obwohl in der Gegend weithin bekannt war, dass der Unternehmer wegen Fördermittelbetrugs bereits vorbestraft und zur Bewährung auf freien Fuß gesetzt worden war.

Die Vision einer Halbinsel im Luxus, auf der Yachtbesitzer und Golfer sich abends mit dem Sundowner zuprosten, zerstreute offenbar alle Bedenken. Auch die Planungsbehörden gaben ihren Segen. Und das, obwohl der umstrittene Investor seinen Hafen mitten in ein Vogelschutzgebiet setzen wollte.

Der Absturz kam schnell. Bald stellte sich heraus, dass der Investor mit einem Großteil der Fördermittel gar nicht wie vereinbart die Hafenanlage, sondern einen weitläufigen Ferienhauskomplex finanziert und Auflagen nicht eingehalten hatte. Das Land forderte die Rückzahlung der Millionen, wozu I. mittlerweile auch in zweiter Instanz vom Oberlandesgericht Rostock verurteilt wurde. Gezahlt hat er bislang nicht.

Die Bauarbeiten ruhen nun schon seit Jahren. Hohen Wieschendorf ist um einen Stadtteil aus zu drei Vierteln fertigen Bauruinen reicher. Vom großen Winterlager existiert nur eine Baugrube. Und nachdem an den Stegen die ersten Boote festgemacht hatten, zeigte sich, dass auch der Hafen stümperhaft gebaut worden war. Weil schützende Wellenbrecher fehlen, richteten Stürme im Hafen schwere Schäden an. Offenbar hatten die Planer nicht beachtet, dass auch an der Ostsee bisweilen ein rauer Wind weht.

Österreicher kommt zum Zug

Dreimal ruft Andrea Hundt zu weiteren Geboten auf. Um 11.07 Uhr beendet sie die Zwangsversteigerung. Ganz ohne Holzhämmerchen. "Die Bank hat das Geld bereits", freut sich Oliver Soini. Der 42-jährige Österreicher ist gleich nach der Versteigerung zur Marina hinuntergefahren und in Feierlaune. Schließlich sind er und eine Handvoll Freunde aus Salzburg und Hamburg nun Hafenbesitzer.

Mit weiteren drei bis vier Millionen Euro wollen sie den Tourismuskomplex fertig bauen, am 1. Mai 2012 soll in der Marina Eröffnung gefeiert werden. Obwohl die Anlage mitten in einem geschützten "Flora-Fauna-Habitat" liegt und das Baurecht längst erloschen ist, erwarten die Investoren keine größeren Widerstände durch die Behörden.

87 Arbeitslose gebe es in der Verbundgemeinde, sagt Soini, 50 Jobs werde man schaffen. "Dann wird das hier eine Vorzeigegemeinde." Es wird noch ein paar Anstrengungen brauchen, um auch die Menschen in Howido zu überzeugen.

Dieser Artikel von Welt.de ist im Februar 2014 entstanden. Nun haben wir Mitte August 2014 und passiert ist nichts. Der Investor wurde abgelehnt und das Hotel steht weiterhin zum Verkauf. 

Auf dem Gelände:

Da wir uns selber mal ein Bild machen wollten, vom Saint Tropez der Ostsee, fuhren wir nach Hohen Wieschendorf und schauten uns alles an. Fangen wir beim Hotel an. Von Weiten sieht die Immobilie gar nicht verlassen aus. Auch wenn man unmittelbar davor steht, schaut alles gepflegt aus. Erst beim genauen hinsehen, fallen einem Fliegen auf, welche auf den komplett eingedeckten Tischen liegen, oder Vogelscheiße vor den Fenstern und Türen. Das Golfhotel ist komplett eingerichtet, Salzstreuer und Pfeffer stehen noch auf den Tischen, Werbung und Flyer kleben noch an den Scheiben, Alkohol steht noch auf dem Tresen, die Kühltruhen stehen noch in der Küche, etc. Es wirkt wirklich alles wie, von heute auf morgen verlassen.

Früher war der Parkplatz meist voll, heute parkt kein Auto mehr vor dem Golfhotel.

Einen "Long - Drink" hat sich hier seit langem keiner mehr geholt.

Die Tische sind zwar eingedeckt, doch gegessen wird hier nicht mehr

Ob jemals wieder ein Gast an dieser Rezeption stehen wird?

Das Schicksal dieser Küche ist besiegelt, gekocht wird woanders.

Auch der letzte Waschvorgang ist knapp 4 Jahre her.

Früher strömten hunderte Menschen durch diese Flure, heute niemand mehr.

Ferienanlagen:

Wer den Golfplatz hinuntergeht zum Hafen, wird auf der rechten Seite die verlassene Ferienanlage finden. Auch ihr geht es nicht besser. Anders als das Golfhotel, wurden die Ferienhäuser nicht richtig fertig gebaut, nur die Grundmauern sind vorhanden. Ob hier jemals Einer wohnen wird ist unklar.

Hafen:

Geplant war, dass die Reichen und Schönen am Jachthafen in Hohen Wieschendorf Anker werfen, geworden ist auch daraus nichts. Nur selten sieht man mal ein Tourist vorbei kommen, dabei ist die Lage eigentlich sehr schön. Auch der dazugehörige Strand wirkt sehr gepflegt, keim herumliegender Müll, etc.

Geplant war ein Hafen der immer so aussieht. 

Doch die Warheit sieht leider so aus. 

Fazit:

Saint Tropez ist Hohen Wieschendorf nicht geworden, dafür ein Ort voller Ruinen. Ein Hafen ohne Besucher, eine Ferienanlage in der man nicht wohnen kann und ein Hotel was seit Jahren kein Gast mehr eingecheckt hat. Man kann wirklich nur hoffen, dass in naher Zukunft sich noch einiges ändert. Wer übrigens glaubt, er könne im Golfhotel einbrechen, sollte sich diesen Gedanken wieder aus dem Kopf streichen. Das Hotel verfügt über stillen Alarm. Auch die Ferienhäuser werden nachts bewacht, aber ein Besuch ist auch so allemal empfehlenswert.

- S.

Bildgalerie

Update:

Mittlerweile ist das Golf Hotel verkauft worden und teilweise wieder in Betrieb. Auch die Ferienanlagen und der Hafen sollen demnächst weiter gebaut werden. Wir dürfen gespannt sein.

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